Reptil/Lurch des Jahres

Seit 2006 wählt die AG Feldherpetologie der DGHT in Zusammenarbeit mit dem Bundesfachausschuß des NABU ein Reptil bzw. einen Lurch des Jahres. Unterstützt wird die Aktion mittlerweile auch von der Österreichischen Gesellschaft für Herpetologie (ÖGH) sowie der Koordinierungsstelle für Amphibien- und Reptilienschutz in der Schweiz (KARCH)

Für 2017 wurde die Blindschleiche (Anguis fragilis) zum Reptil des Jahres gewählt.

                                                                
                                                                 Blindschleiche. Foto: M. Homeier

Die Blindschleiche ist weder blind noch eine Schlange, sondern eine beinlose und mit Augen ausgestattete Echse. Ihr irreführender Name ist abgeleitet von dem althochdeutschen Wort „Plint“ (für blendend) und bezieht sich auf den bleiernen Glanz ihres Körpers. Die anpassungsfähige, aber versteckt lebende Art gilt in Deutschland aktuell als ungefährdet und ist noch fast flächendeckend verbreitet. Allerdings ist über ihre Biologie nur wenig bekannt, und die Bestände scheinen vielerorts zurückzugehen.

Wie alle einheimischen Amphibien und Reptilien ist die Blindschleiche (Anguis fragilis) „besonders geschützt“ und durch fortschreitenden Siedlungs- und Straßenbau vom Verlust ihres Lebensraums bedroht. Obwohl sie noch zu den häufigsten Kriechtieren Mitteleuropas zählt und vermutlich die Lebensräume unserer Kulturlandschaft in relativ gesunden Beständen besiedelt, ist die Art von allen einheimischen Reptilien am wenigsten erforscht. „Kenntnisse über die Populationsgrößen und natürliche Bestandsentwicklung, die für einen langfristigen Schutz nötig sind, liegen für die Blindschleiche im Gegensatz zu anderen Reptilien kaum vor“, so Dr. Axel Kwet, Präsidiumsmitglied der DGHT.

Blindschleichen besiedeln ein breites Spektrum an unterschiedlichsten Lebensräumen. Sie bevorzugen lichte Wälder und Waldränder mit erhöhter Bodenfeuchtigkeit und einem vielfältigen, strukturreichen Mosaik an Sonnen- und Versteckplätzen. Aber auch offene Heide- und Moorlandschaften, Brachflächen, Trockenrasen, Streuobstwiesen, Gärten, Parks, Straßenböschungen, Steinbrüche und Abgrabungsstätten werden bewohnt. Oft zeugen nur die auf Straßen überfahrenen Blindschleichen von den versteckt am Boden lebenden Reptilien, die in Siedlungsnähe auch regelmäßig Opfer von Mäharbeiten oder streunenden Hauskatzen werden. Dabei sind Blindschleichen nützliche Gartenhelfer, die neben Regenwürmern, Insekten, Asseln und Spinnen besonders gerne Nacktschnecken fressen. Stellvertretend für viele andere Arten werben Blindschleichen somit für naturnahe Gärten mit wilden Ecken, in denen keine Tier- und Pflanzengifte eingesetzt werden.

Der beinlose „Hartwurm“, wie das Reptil des Jahres 2017 früher auch genannt wurde, besitzt unter dem Schuppenkleid seines Körpers kleine, starre Knochenplättchen, wodurch sich Blindschleichen viel steifer fortbewegen als beispielsweise Schlangen – mit denen sie trotz ihres Aussehens und lateinischen Gattungsnamens (Anguis = Schlange) auch nicht verwandt sind. Ähnlich wie Eidechsen können die meist 15–25 cm, selten auch über 40 cm langen Reptilien ihren Schwanz abwerfen. Er wächst allerdings nur als kleiner Stumpf nach, worauf die wissenschaftliche Artbezeichnung „fragilis“ (= zerbrechlich) hinweist.

Blindschleichen sind lebendgebärend. Nach einer mehrmonatigen Winterruhe in Löchern im Erdboden und der Paarung im Mai gebären die Weibchen im Sommer etwa zehn vollständig entwickelte Jungtiere. Zu den natürlichen Feinden der Blindschleiche zählen neben dem Menschen vor allem räuberische Säugetiere wie Fuchs, Steinmarder, Iltis, Dachs und Wildschwein oder Greifvögel wie Mäusebussard und Turmfalke.

Die Blindschleiche kommt in allen Landesteilen Hessens vor. Verbreitungsschwerpunkte liegen beispielsweise im Taunus und dem Hessischen Bergland. In der Rheinebene scheint sie seltener zu sein, was sicherlich mit der großflächig intensiven landwirtschaftlichen Nutzung zusammenhängt. Auch wenn die aktuelle Datenlage nur eine mäßig häufige Verbreitung darlegt, dürfte die Art tatsächlich weit häufiger und verbreiteter sein. Aufgrund ihrer oft kryptischen Lebensweise ist sie recht schwer nachzuweisen, was die Verbreitungslücken in vielen Landesteilen erklären dürfte. Aktuell wird die Blindschleiche als ungefährdet eingestuft. Dennoch hat sicherlich auch diese Art unter der Intensivierung der Landwirtschaft sowie der zunehmenden Zerschneidung und Versiegelung ihrer Lebensräume durch den Neubau von Straßen und Gebäuden zu leiden.

 

 

Auf den Seiten der Deutschen Gesellschaft für Herpetologie und Terrarienkunde (DGHT) finden sich weitere Informationen und Downloads:

Reptil des Jahres 2017: Blindschleiche
Lurch des Jahres 2016: Feuersalamander
Reptil des Jahres 2015: Europäische Sumpfschildkröte
Lurch des Jahres 2014: Gelbbauchunke
Reptil des Jahres 2013: Schlingnatter
Lurch des Jahres 2012: Erdkröte
Reptil des Jahres 2011: Mauereidechse
Lurch des Jahres 2010: Teichmolch
Reptil des Jahres 2009: Würfelnatter
Lurch des Jahres 2008: Laubfrosch
Lurch des Jahres 2007: Knoblauchkröte
Reptil des Jahres 2006: Waldeidechse